Rathaus Bedburg, ein gewöhnlicher Büroraum im ersten Stock. Hier sitzt Bürgermeister Sascha Solbach und scrollt über sein Tablet, schaut sich seine Termine an. Es sind viele. Er steckt gerade in Verhandlungen mit einem Unternehmen, will 50 Ingenieursstellen nach Bedburg bringen, qualifizierte Arbeit. Gerade erst hat es mit einem Moderiesen geklappt, der baut jetzt sein Logistikzentrum in der Stadt, schafft damit rund 800 Jobs. „Die brauchen wir“, sagt Solbach, schließlich stünden 3.000 Arbeitsplätze in Bedburg auf der Kippe. Denn spätestens 2038 ist Schluss mit dem Braunkohleabbau im Rheinland. Darauf hat sich die deutsche Politik geeinigt.

Solbach scrollt weiter. Checkt, ob er eine neue Nachricht hat. An der Wand hängt ein Foto von Willy Brands berühmten Warschauer Kniefall. Das ist Vergangenheit. Auf dem Schreibtisch steht die Zukunft: ein kleines Windrad. Für Solbach das Symbol des Fortschritts, den er gehen will. Nicht weit von seinem Büro entfernt stehen mehr als 20 davon. Sie erzeugen Strom für Bedburg. An der Stelle, wo vor ein paar Jahrzehnten noch Braunkohlebagger standen.

Zum Hören: Warum sich der Umstieg für Sascha Solbach gelohnt hat.

Bedburg, eine 25.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Köln, ist spätestens seit Ende der fünfziger Jahre Inbegriff einer Kohlestadt. Und der Kohlestrom des Energieunternehmens RWE ist bis heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gewerbesteuereinnahmen in Millionenhöhe, fast jeder dritte Job ist mit der Kohlebranche verbunden. Hilft die Politik nun genug beim Ausstieg? Sascha Solbach überlegt nicht lang, kennt die bürokratischen Hürden. „Bis ich hier mal Fördergelder für irgendwas bekomme, das dauert viel zu lange.“ Schon nächstes Jahr soll der Strom aus der rheinischen Kohle deutlich weniger werden. Solbach will darauf vorbereitet sein.

So viel Braunkohle (in Millionen Tonnen) wurde bisher im Rheinischen Revier gefördert:

Quelle: Statistik der Kohlenwirtschaft, 2021

Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, hier noch für die letzten Jahre einzusteigen.

Bastian Faulhammer, Schichtleiter im Tagebau

Sorgen macht sich der Bürgermeister vor allem um Menschen wie Bastian Faulhammer aus Bedburg-Kirchherten. Der 30-Jährige gehört zu den Jüngeren, die ihr Geld im Tagebau verdienen, als Schichtleiter. Er selbst glaubt, dass er noch bis zur Rente für RWE arbeiten kann. Er hat die Zeit genutzt, sich fortgebildet, hat mittlerweile einen gewissen Stellenwert im Unternehmen. Ob junge Leute jetzt noch eine Ausbildung im Tagebau starten sollten? Faulhammer zögert: „Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, hier noch für die letzten Jahre einzusteigen.“ Zumal die politischen Diskussionen um einen noch früheren Kohleausstieg immer mehr Fahrt aufnehmen. Sascha Solbach fürchtet, dass einige dabei auf der Strecke bleiben.

Schichtleiter Bastian Faulhammer ist stolz auf seinen Job im Tagebau. Er hat sich fortgebildet, um auch nach dem Kohleausstieg noch Jobs bei RWE übernehmen zu können.

Wir wollen ein Industriestandort bleiben, aber ohne rauchende Schlote.

Sascha Solbach

Ein verlassener Acker, 400.000 Quadratmeter Land, direkt an der Autobahn A61. Nicht weit weg: Das kleine Dörfchen Pütz. Am Horizont steigt Rauch auf, er stammt vom Kühlturm des Braunkohlekraftwerks Niederaußem. Wenn dort bald kein Rauch mehr zu sehen ist, soll hier ein Gewerbegebiet stehen. Mit neuen Betrieben, die nur dann einen Platz erhalten, wenn sie ihre Büros, Hallen und Anlagen möglichst nachhaltig bauen, einen festgelegten Faktor X an CO2 dabei einsparen. Das ist der Plan von Bürgermeister Solbach – und dafür recherchiert, telefoniert, verhandelt er ständig. Ein Standort für Wasserstoffproduktion, ein Großrechenzentrum, Lebensmittelhersteller – das seien die Wirtschaftszweige, denen eine lange Zukunft vorausgesagt wird. Die will er anlocken. „Wir wollen ein Industriestandort bleiben, aber ohne rauchende Schlote“, verspricht Solbach. Das nimmt ihm in Bedburg aber längst nicht jeder ab.

Zum Hören: Wie sich Sascha Solbach Bedburg in 20 Jahren vorstellt.

„Vielleicht kommt ja doch mal die nicht ganz so hübsche Braut mit dem Geldbündel.“, sagt Michael Robertz. Er ist Mitinitiator einer Bürgerinitiative, die das Gewerbegebiet verhindern will. Mehr als 2.000 Unterschriften von Anwohnern haben er und seine Mitstreiter dafür gesammelt. Sie fürchten, dass irgendwann doch die lauten und vor allem stinkenden Industrieanlagen kommen. Zu unkonkret seien die Planungen des Bürgermeisters. Und außerdem sei das Grundstück viel zu nah an den Wohngebieten dran. Kann das neue Gewerbegebiet nicht einfach woanders stehen? Sascha Solbachs Gesicht wird ernst, wenn er über die Bürgerinitiative spricht. Die Unterschriften gegen seine Pläne liegen jetzt hier, auf seinem Schreibtisch. Ein absolutes Novum für den Verwaltungschef. „Das ist wirklich eine krasse Erfahrung für mich. Eigentlich versuche  ich immer, alle mitzunehmen, so offen wie möglich zu sein.“ Auch die Bürgerinitiative habe schon in seinem Büro mit ihm am Tisch gesessen. Eigentlich seien es gute Gespräche gewesen. Trotzdem knirscht es weiter. Robertz und seine Mitstreiter wollen einen Bürgerentscheid, zur Not auch dafür klagen. Solbach will sich von seinem Weg nicht abbringen lassen. Das geplante Gewerbegebiet sei zu wichtig für Bedburg. Besser läuft es für Solbach dafür auf einem anderen Acker.

Elke Leone, Heinz-Willi Maaßen und Andreas Jobs (v.l.) sind Mitglieder einer Bürgerinitiative, die ein neues Gewerbegebiet auf diesem Acker verhindern möchte.

Bedburg-Kaster, ein einsamer Bagger auf 60.000 Quadratmetern Wildwiese. Nur einige Straßen sind schon angelegt. Hier entsteht die „Ressourcenschutzsiedlung“, eines der Leuchtturmprojekte der Stadt. Wer hier baut, verpflichtet sich dazu, mit seinem Haus nur die Hälfte an CO2 zu verursachen wie bei herkömmlicher Bauweise. Zu schaffen ist das durch Recyclingbaustoffe, Holz oder Naturdämmschichten, eine Wärmepumpe zum Heizen oder Solarpanels auf dem Dach. Vor dem Bagger steht Oliver Radke und begutachtet sein Grundstück. Er ist der erste, der schon das Fundament für sein Haus gelegt hat, und seine künftigen Nachbarn kennt er auch schon. „Wir alle sind richtig stolz, hierhin zu ziehen und unser Haus umweltfreundlich zu bauen“, sagt er begeistert. Im Hintergrund drehen sich die Windräder, die hier für Strom sorgen sollen. Und ein weiterer Windpark kommt bald dazu. Es ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Stadt und RWE, für das sich Solbach eingesetzt hat. „Wenn die Kohle mal weg ist, will ich, dass unsere Stadt trotzdem immer mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht.“

Oliver Radke und seine künftige Nachbarin Katharina Benisch haben sich ein Grundstück in der Bedburger Ressourcenschutzsiedlung gesichert. Hier müssen sie umweltschonend bauen.

2038 kommt der Kohleausstieg. Wie schaffen Städte wie Bedburg, die wirtschaftlich stark von der Kohleindustrie abhängen, jetzt die Transformation?

Das ist sicherlich eine gewaltige Aufgabe, die viele Fragen aufwirft. Was ersetzt die Kohle? Wie sieht kluge Energie der Zukunft aus? Man braucht eine klare Zielvorstellung von der Stadt der Zukunft. Wie sieht Bedburg im Jahr 2035, 2050 und 2075 aus? Bis zu jedem Zieldatum sollte man festlegen, was man bis dahin genau erreicht haben will. Für neue Wohngebiete wie die Ressourcenschutzsiedlung in Bedburg etwa, sollte man festlegen: Was bauen wir da? Für wen bauen wir da? Was ist die Klimabilanz dessen, was wir da tun? 

Das heißt: Jetzt schon Ziele definieren, langfristig planen und nicht bis kurz vor knapp warten. Nur so kann ein Strukturwandel klappen.

Wer hilft denn Städten wie Bedburg bei dieser großen Aufgabe?

Je kleiner die Städte und Kommunen sind, desto mehr werden sie von dieser Aufgabe überrollt.

Sie brauchen die Hilfe vom Land: Städte wie Bedburg müssen mit Mitarbeitern und Geld ausgestattet werden, damit sie überhaupt Entwicklung betreiben können. Da gibt es noch Defizite. Im schlimmsten Fall wird das vom Land als eine Aufgabe betrachtet, die nebenher gelöst werden muss. Es muss aber der Hauptfokus sein.

Glauben Sie deshalb, dass die Transformation scheitert?

Nein, Im Rheinland ist man sowieso nicht pessimistisch. Außerdem haben wir Erfahrung: Früher hatten wir auf der rechten Rheinseite unser eigenes Ruhrgebiet, mit Schwerindustrie und Chemiefirmen, die es heute nicht mehr gibt. Die frei gewordenen Flächen wurden für neue Wirtschaftszweige umgestaltet. Dadurch haben wir jetzt hier eine große Bandbreite. So können auch  Arbeitsplätze aufgefangen werden, die in der Kohleindustrie wegbrechen. Von daher bin ich optimistisch, dass uns das gelingt. 

Aber?

Das Rheinische Revier ist die größte Transformations-Baustelle in Europa. Und der Tagebau Hambach ist das größte Loch des Kontinents. Dazu kommt der von der Politik vorgezogene Kohleausstieg, durch den die ganze Planung wie im Zeitraffer ablaufen muss. Das ist nicht einfach gelöst mit: Der Bund investiert einmal 14,8 Milliarden Euro und dann war das der Strukturwandel. Man muss langfristig planen.

Wie muss denn Bedburg in 20 Jahren aussehen?

Bis dahin müssen der Umstieg auf Elektromobilität und die Anbindung mit Zügen und Bussen abgeschlossen sein. Die Ressourcenschutzsiedlung und innovative Firmen, die auf CO2 -neutrales Wirtschaften setzen, müssen Investoren anziehen. Dadurch kann Bedburg ein Vorbild für andere Kommunen sein. Der Staat ist verpflichtet, den Menschen die besten Chancen für ihre Zukunft zu geben. Dafür ist die Ausbildung qualifizierter Arbeitskräfte essentiell. Außerdem muss Bedburg seine guten Böden landwirtschaftlich nutzen. Dafür müssen auch Vertrieb und Logistik angepasst werden.

Wir haben jetzt die Chance und können Vorreiter sein.

Sascha Solbach

Wer mit Solbach durch Bedburg geht, merkt schnell, wie er die Bürger von seinen Ideen überzeugen will. Er grüßt jeden, nimmt sich Zeit für Smalltalk, wirbt für seine Pläne, auch wenn der nächste Termin schon drängt. Er, der mittlerweile mit dem Elektroauto zur Arbeit kommt, will vorangehen. „Wir haben jetzt die Chance. Wir können uns komplett von unserer Kohlevergangenheit befreien und Vorreiter sein. Wenn andere Städte erstmal sehen, es funktioniert in Bedburg, dann wissen sie, es klappt auch bei ihnen.“

Bildergalerie: Bedburg und die Kohle

  • Der Kohlebagger steht ab den 1950-er Jahren sinnbildlich für Bedburg als Kohlestadt.

Fotos: Stadt Bedburg